Nachdem in "Langenlungwitz" schon einige Handwerker
ansässig
geworden waren - besonders im Ortsteil "Abtei-Oberlungwitz" -, kam als
Hausgewerbe die Weberei auf. Bald verdrängte aber die Strumpfwirkerei das
Weberhandwerk im Ort. Bereits 1731 schaffte sich Samuel Uhlig
in Abtei den ersten Strumpfwirkerstuhl an. Vom
gleichen Jahr an liegt ein Lehrkontrakt vor, nach dem in Oberlungwitz ein
Bauernsohn die Strumpfwirkerei erlernen sollte. Anfangs war das Wirken
natürlich eine freie Kunst. Es wurden aber bald Gesetze erlassen, nach denen
sich die Beteiligten zu richten hatten.
Die Kunst wurde zum Handwerk. Die Strumpfwirker gingen dann ein- bis zweimal
in der Woche nach Chemnitz zu ihren Auftraggebern, um die Fertigware zu
liefern. Zu diesem Zweck benutzten sie einen
Quersack,
ein an beiden Enden geschlossener Stoffschlauch. In der Mitte befand sich
eine Öffnung, durch diese wurden die zu transportierenden Dinge an beiden
Enden verteilt.
Die Strumpfwirker von Oberlungwitz fertigten anfangs außer den Strümpfen
auch Handschuhe, Schals und Mützen. Sie vereinigten sich zu einer Innung,
welche 1838 ein eigenes Meisterhaus einweihen konnte. Das anfänglich als
Hauswirkerei betriebene Handwerk verbreitete sich in Oberlungwitz und Abtei
immer mehr. Die Technik der Strumpfherstellung ging von dem hölzernen
Handkulierstuhl über den Pagetstuhl, der ebenfalls mit der Hand betrieben
wurde, aber auf den man schon Strümpfe herstellen konnte, zur Cottonmaschine
(1868) über.
Bereits um 1830 wurde Oberlungwitz als eines der wichtigsten Industriedörfer
bezeichnet, in dem über 200 Strumpfwirkermeister mit zahlreichen Gesellen
und Lehrlingen arbeiteten. Die Firma W. F. Bahner stellte bereits 1842
Trikotagen und Strümpfe her. Otto Kunze begann 1864 mit der Erzeugung von
Strümpfen, die Firma Gustav Sonntag 1872. Nach der Weltausstellung in
Chicago im Jahre 1873 begann der wirtschaftliche Aufschwung der
einheimischen Strumpfwirker im Raum Oberlungwitz, Hohenstein-Ernstthal und
Chemnitz. 1880 kam es zu vielen Fabrikgründungen, zum Beispiel:
1886 die Firma Robert Götze (ROGO) und die Firma Tauscher
1886 die Firma Fischer Maas und Kappauf als OHG in Chemnitz welche
1898 nach Oberlungwitz umsiedelte (Goldfischwerke)
1888 die Firma Moritz Flechsig
1889 die Firma Louis Bahner
1890 die Firma Theodor Günther.
Nachdem die deutsche Wirtschaft die Inflation überwunden
hatte, kamen aus Oberlungwitz 1924 drei Viertel der gesamten Strumpfproduktion der Welt. In
diesen Jahrzehnten erlebte Oberlungwitz Zeiten, in denen das Ortsbild durch
das Wachstum der Industrie ständig verändert wurde. In dem einstigen
zweireihigen Bauerndorf entstanden riesige Fabriken. Bis ins Jahr 1928
erfolgten große Neubauten der ROGO-Werke sowie auf dem Nachbargrundstück der
Neubau der Firma Friedrich Tauscher - ein wunderschön anzuschauender
Klinkerbau, der mit dem der Firma ROGO harmoniert.
An der Goldbachstraße entstand der sechsstöckige Neubau von Moritz Flechsig.
Otto Kunze hatte seine neue Fabrik an der Hofer Straße bezogen.
Nach der Blütezeit folgte 1930 die fortschreitende Verschlechterung der
allgemeinen Wirtschaftslage, welche vor allem auf die heimische Industrie
nicht ohne Einfluss blieb. Doch auch dies wurde überwunden, so dass Strümpfe
aus Oberlungwitz auf internationalen Ausstellungen, darunter auf der
Weltausstellung 1937 in Paris, die höchsten Preise errangen.
Zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab es in Oberlungwitz 10 Strumpf-
fabriken. In den folgenden Jahren ging die heimische Textilindustrie immer
weiter zurück. Viele Betriebe waren gezwungen, für die Rüstungsindustrie zu
arbeiten.
Nach dem Krieg nahm die Firma Robert Götze trotz Demontage durch
die
russische Armee als "Strumpffabrik Götze" und "Gebr. Götze OHG" die
Produktion wieder auf. Louis Bahner fing mit der Produktion 1946 wieder an.
Das Unternehmen Tauscher wurde nach Kriegsende unter Sequestration genommen,
bis es schließlich 1946 verstaatlicht wurde. 1949 ( Gründung der DDR) wurden
die Betriebe Robert Götze und Friedrich Tauscher zum VEB Feinstrumpfwerke
Oberlungwitz zusammengeschlossen. 1953 wurden die Restbetriebe der
ehemaligen Firma Louis Bahner vom VEB Feinstrumpfwerke Oberlungwitz
übernommen. In der letzten Phase der Verstaatlichung wurde aus der KG Otto
Kunze der VEB Modestrumpf, der 1979 zum Strumpfkombinat Esda überging. Durch
die Schaffung von künstlicher Dederonseide kam es zu einem Wendepunkt für
die Gesamtentwicklung der Damenstrumpfindustrie. Die Entwicklung vollzog
sich von der Produktion auf weiterentwickelten Flachkulierwirkmaschinen, bis
hin zur Einführung von RL-Kleinrundstrickmaschinen. Mit dieser Technik war
ein neues Herstellungsverfahren von Damenstrümpfen und später von
Strumpfhosen möglich. In der Zeit von 1949 - 1989 erhöhte sich die
Produktion auf das 16fache.
1990 wurden die volkseigenen Betriebe aufgelöst, es bildete sich die
Feinstrumpfwerke Oberlungwitz GmbH heraus. FSO wurde zunächst von der
Treuhand verwaltet. Von 2000 Beschäftigten wurden 1700 entlassen. Zwei Jahre
später wurden die Betriebe reprivatisiert. Die Erben von Robert Götze
bildeten gemeinsam mit 11 Gesellschaftern eine Holding, die den historischen
Namen ROGO erhielt. Nun ist ROGO als eines der ältesten Strumpffabriken der
Welt seit 1992 wieder auf dem Markt.
1998 fand das 725-jährige Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung von
Oberlungwitz statt. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wurde anknüpfend an die
Tradition der Strumpfindustrie die Idee geboren, mit dem Guinnessbuch
Rekordversuch
Oberlungwitz wieder als
Strumpfstadt bekannt zu machen. Da dieses Fest bei den Einwohnern von
Oberlungwitz und ihren Gästen so großen Zuspruch fand, wurde beschlossen,
jedes Jahr ein Strumpffest auszurichten. Dieses findet seit 1999 im Gelände
der Firma ROGO jährlich im Monat Mai statt.
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